Bordeaux 2025: Der kleinste Jahrgang seit 1991 mit viel Potenzial
Während ich diesen Vorbericht zur En Primeurs Week schreibe, sitze ich auf dem Beifahrersitz und bin auf dem Weg ins Bordelais, um den neuen Bordeaux-Jahrgang 2025 zu verkosten. Vieles rund um das Spektakel der Grand Crus Classés ist mir inzwischen vertraut und dennoch ist in diesem Jahr eine besondere, positive Nervosität spürbar. Denn erstmals bin ich auf Château Le Pin eingeladen. Ein Moment, der auch in meiner noch jungen Laufbahn als Weinhändler heraussticht.
Schon im Vorfeld der En Primeur Week zeichnet sich ein spannender Jahrgang ab. Laut Michel Reybier von Château Cos d’Estournel ist er „von der frühen Entwicklung der Reben und einer perfekten Reife mit bemerkenswerter Dichte und Energie“ geprägt. Ob die Weine tatsächlich „die Sinne berühren“, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Doch die Wetterdaten des vergangenen Jahres, erste Informationen der Weingüter sowie bereits veröffentlichte Einschätzungen von Weinkritikern wie Jane Anson oder Adrian van Velsen zeichnen ein vielversprechendes Bild.
Bordeaux 2025 wird in vielerlei Hinsicht ein Jahrgang sein, der sich nicht in eine klassische Schublade stecken lässt. Bevor ich in den kommenden sieben Tagen vor Ort eigene Eindrücke sammle und die Weine verkoste, lohnt sich ein Blick auf das, was diesen besonderen Jahrgang ausmacht. Die klimatischen Bedingungen, die qualitative Entwicklung und die Perspektive auf die kommende Kampagne geben bereits jetzt erste Hinweise darauf, was uns erwarten könnte.

Ein Jahrgang der Extreme, geprägt von Trockenstress und Präzision
Der Bordeaux-Jahrgang 2025 ist ein Jahrgang der Extreme und zugleich ein Jahrgang der Präzision. Auf einen trockenen und frostfreien Winter folgte ein früher und gleichmäßiger Vegetationsverlauf mit homogener Blüte und gutem Fruchtansatz. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass die Erträge begrenzt bleiben würden, da die schwierige Blüte des Vorjahres die Knospenbildung für 2025 spürbar reduziert hatte.
Der Sommer brachte dann ausgeprägte Hitze und deutlichen Trockenstress mit sich. Zwei markante Hitzewellen Ende Juni und Anfang August prägten den Verlauf; vereinzelt stiegen die Temperaturen auf über 40 °C. In Margaux und Pessac-Léognan wurden sogar offizielle Anträge zur Bewässerung gestellt. Über weite Strecken deutete vieles auf einen opulenten, kraftvollen Jahrgang hin, der stilistisch an 2022 erinnern könnte.
Doch Ende August kam die entscheidende Wende. Zwischen dem 27. und 30. August fielen je nach Region 60 bis 80 Millimeter Regen. Die Temperaturen gingen zurück, die Reifung verlangsamte sich und der Jahrgang nahm eine neue Richtung an. Was zuvor nach Überreife aussah, fand zu einer Balance, die so kaum zu erwarten war.
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Die niedrigsten Erträge seit über drei Jahrzehnten
Ebenso wie beim Wetter schreibt der Bordeaux-Jahrgang 2025 auch in Bezug auf die Erntemenge sein eigenes Kapitel. Mit nur 2,29 Millionen Hektolitern liegt der Gesamtertrag unter dem Niveau von 1991 und damit auf dem niedrigsten Stand seit über drei Jahrzehnten. Die durchschnittlichen Erträge bewegen sich laut aktuellen Informationen in Pomerol bei rund 25 hl/ha, in Margaux bei etwa 30 hl/ha und in Saint-Julien bei lediglich 22 hl/ha.
Auch bei den großen Namen zeigen sich die geringen Mengen deutlich. Château Cheval Blanc kommt beispielsweise auf nur etwa 15 hl/ha und verzichtet vollständig auf seinen Zweitwein Petit Cheval. Bei Château Margaux und Château Palmer liegen die Erträge bei rund 20 hl/ha, was einem Rückgang von 40 bis 50 Prozent entspricht. Die Beeren waren klein, die Trauben locker, entsprechend hoch ist die Konzentration.
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch auf Château Phélan Ségur. Philippe Van de Vyvere beschreibt den Jahrgang wie folgt: „Die Wetterbedingungen brachten konzentrierte Trauben hervor, doch unser Hauptziel war es, die Ausgewogenheit und Harmonie der Frucht zu bewahren. Die Cabernet Sauvignon-Trauben präsentieren sich mit großer Klarheit und verleihen dem Wein Frische und Struktur. Er besticht durch seine Reinheit, die Finesse seiner Tannine, seine Frische und seine Ausgewogenheit.“

Im Glas verspricht Bordeaux 2025 typisches Potential eines Fünferjahrgangs
Die ersten Eindrücke, die mich über WhatsApp, E-Mail und Social Media erreicht haben, bestätigen das Bild, das sich bereits im Verlauf des Jahres abgezeichnet hat. Zwar hatte ich die Weine noch nicht selber im Glas, doch es entsteht ein klares Bild: Bordeaux 2025 präsentiert sich mit moderaten Alkoholwerten von 13,0 % Vol. bis 14,0 % Vol., vergleichsweise niedrigen pH-Werten von 3,3 bis 3,7 und einer bemerkenswerten Frische. Die Aromatik wird als präzise und klar beschrieben und vieles deutet darauf hin, dass sich die Weine weniger über Kraft, sondern über Balance, Spannung und Herkunft definieren.
François-Xavier Maroteaux, Präsident der Union des Grands Crus de Bordeaux, bringt es in einem Interview auf den Punkt, wenn er sagt, dass Bordeaux „noch nie so feine Weine produziert hat“ und der Jahrgang „die Erwartungen der Konsumenten in Bezug auf den Stil zweifellos erfüllen wird“.
Die Rotweine warten mit Eleganz, aromatischer Präzision und feiner Würze
Die Rotweine präsentieren sich mit sehr guter phenolischer Reife, reifen und fein eingebundenen Tanninen sowie einer hohen Farbintensität. Besonders auffällig ist die Verbindung von Struktur und Frische, die dem Jahrgang eine klare, präzise Linie verleiht. Der Merlot zeigt sich fruchtbetont und saftig, getragen von einer lebendigen Frische. Cabernet Sauvignon bringt Struktur, Dichte und deutliches Reifepotenzial ins Glas, während Cabernet Franc das Gesamtbild mit Eleganz, aromatischer Präzision und feiner Würze ergänzt.
Aromatische Weißweine mit super Potenzial für die Gastronomie
Die Weißweine des Bordeaux-Jahrgangs 2025 zählen zu den positiven Überraschungen. Sie zeigen sich frisch, aromatisch und klar strukturiert, mit einer stimmigen Balance zwischen Reife und Säure. Getragen von ausgeprägten Fruchtaromen, die von Zitrusnoten bis hin zu exotischen Nuancen reichen, wirken sie präzise und lebendig. Vieles spricht dafür, dass sich hier eine Stilistik entwickelt, die besonders in der Gastronomie gefragt sein dürfte.
Perfekte Bedingungen sorgen für elegant-komplexe Süßweine
Auch bei den Süßweinen aus Sauternes zeigt sich ein vielversprechendes Bild. Die Bedingungen für die Edelfäule waren nahezu ideal, geprägt von einer ausgewogenen Abfolge aus Feuchtigkeit und Trockenheit. Mehrere selektive Lesedurchgänge ermöglichten eine hohe Qualität. Die Weine präsentieren sich elegant und komplex, mit klarer Struktur und bemerkenswerter Tiefe. Gleichzeitig bleiben die Erträge aufgrund der kleinen Beeren und lockeren Trauben begrenzt.

Bordeaux 2025 vereint großes Potenzial mit spannenden Gegensätzen
Ich freue mich auf die offiziellen Verkostungen der Union des Grands Crus de Bordeaux sowie auf die Besuche verschiedener Châteaux, um den Bordeaux-Jahrgang 2025 vor Ort zu verkosten.
Die ersten Anzeichen sind alles andere als gewöhnlich. Niedrige pH-Werte, moderate Alkoholgrade und eine klare Terroir-Handschrift deuten auf Weine hin, die weniger über Kraft, sondern über Präzision und Herkunft überzeugen. Vieles spricht dafür, dass in diesem Jahr nicht ein einheitlicher Stil im Vordergrund steht, sondern die Unterschiede zwischen Lagen und Weingütern stärker herausgearbeitet werden.
Es ist ein Jahrgang, in dem Handwerk, Geduld und kluge Entscheidungen im Weinberg entscheidend sind. Gleichzeitig zeigt sich, wie souverän Bordeaux mit den Herausforderungen eines sich verändernden Klimas umgehen kann. Die Reben haben ihre Anpassungsfähigkeit erneut unter Beweis gestellt, und die großen Terroirs scheinen sich nach den bisherigen Eindrücken besonders klar auszudrücken.
Einerseits steht eine Qualität, die aktuellen Einschätzungen zufolge deutlich über dem Vorjahr liegt und an klassische 5er-Jahrgänge erinnert. Andererseits sind die Erträge historisch niedrig. Diese Kombination sorgt für Spannung, vor allem mit Blick auf die Preisgestaltung. Klare Aussagen sind bisher kaum zu bekommen. In einem Telefonat wurde mir die Situation so beschrieben: Die Preise könnten sich in etwa am Vorjahr orientieren, wobei es je nach Château spürbare Unterschiede geben kann. Eine eindeutige Festlegung wollte jedoch niemand treffen.
In den kommenden Tagen wird es darum gehen, genau hinzuhören und genau hinzuschmecken. Ich werde einordnen, welche Weine wirklich überzeugen, welche Weingüter ihre Stärken ausspielen konnten und wie sich Bordeaux 2025 in das Gesamtbild der jüngeren Jahrgänge einfügt. Entscheidend wird dabei die Frage sein, wie sich das Spannungsfeld zwischen Qualität und Preis entwickelt.
Wenn Du meine Eindrücke direkt aus Bordeaux verfolgen möchtest, begleite mich auf Instagram oder in meinem WhatsApp-Kanal. Dort teile ich meine Verkostungsnotizen, Einschätzungen und besondere Entdeckungen zuerst.
© Titelbild/Bilder: Kim-Christopher Granz, SelteneWeine.de
















