Bordeaux 2025: Ein paradoxer Jahrgang mit zahlreichen Spitzenweinen
Die Parker-Ära ist vorbei. Lang lebe Robert Parker! Was zunächst wie ein Widerspruch klingt und durchaus ein Schmunzeln verdient, beschreibt ziemlich genau das Gefühl, mit dem ich nach sieben Tagen in Bordeaux nach Hause zurückkehre.
Vor meiner Reise hatte ich den Jahrgang 2025 als einen der Extreme eingeordnet. Hitzewellen, historisch niedrige Erträge und ein rettender Regen Ende August schienen die Richtung vorzugeben. Heute, nach über 250 verkosteten Weinen zwischen Saint-Émilion und Saint-Estèphe, zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Die Extreme liegen in der Entstehung. Im Glas selbst begegnet man einem stillen, in sich ruhenden Jahrgang.
Während in der Presse vielfach mit Vergleichsjahrgängen jongliert wird, ist Bordeaux 2025 keiner dieser klassischen „5er”-Jahrgänge der Lautstärke, sondern einer der Feinabstimmung. Spürbar war, dass der Einfluss eines einzelnen Kritikers, der über Jahrzehnte Stil, Nachfrage und Preise geprägt hat, zurückgegangen ist. Und doch bleibt seine Handschrift präsent. Dass sich „The Wine Advocate” wieder stärker an Château Pontet-Canet annähert und William Kelley dort 98 bis 100 Punkte vergibt, ist mehr als eine Randnotiz. Es ist ein klares Signal für die Klasse dieses Jahrgangs.
An die Stelle einer dominanten Stilistik tritt ein vielschichtigeres Verständnis von Qualität, getragen von einer Generation, die ihre Weine mit neuem Selbstbewusstsein komponiert. Doch was bedeutet das konkret im Glas?
Der Jahrgang 2025 und seine Stilistik
Schon nach den ersten Verkostungstagen wird deutlich, dass Bordeaux 2025 kein Jahrgang der Extreme ist, sondern einer der Balance. Was die analytischen Daten bereits im Vorfeld andeuteten, bestätigt sich im Glas mit beeindruckender Konsequenz.
Moderate Alkoholwerte, klare Strukturen und eine spürbare innere Spannung prägen viele Weine. Nichts wirkt überzeichnet, nichts drängt sich in den Vordergrund. Stattdessen entsteht ein harmonisches Zusammenspiel aus Frucht, Säure, Tannin und Textur. Die Frucht ist präsent, aber kontrolliert. Sie ordnet sich ein und stützt die Gesamtstruktur, statt sie zu dominieren. Genau diese Zurückhaltung lässt viele Weine bereits jetzt zugänglich wirken, ohne dass sie an Tiefe verlieren.
Besonders beeindruckend ist die Qualität der Tannine. Sie sind reif, oft fein gezeichnet und geben den Weinen Halt, ohne sie zu beschweren. Gleichzeitig sorgt eine unerwartete Frische für Spannung und Länge im Glas. Der Regen Ende August hat hier mehr bewirkt als nur eine Verlangsamung der Reife. Er hat die Weine zu sich selbst zurückgeführt und ihnen jene Präzision verliehen, die sie heute auszeichnet.
Auch im Ausbau zeigt sich ein klarer Wandel. Der Einsatz von neuem Holz wird bewusster gesteuert und vielerorts reduziert. An seine Stelle treten größere Fässer, Beton und Edelstahl. Weniger Prägung durch das Werkzeug, mehr Ausdruck der Lage.
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Bordeaux 2025 ist auf Trinkfreude ausgerichtet
Die Weine sind eindeutig auf Trinkfreude ausgerichtet. Sie wirken zugänglicher als viele Jahrgänge zuvor und besitzen zugleich das strukturelle Rückgrat für eine lange Entwicklung im Keller. Diese Verbindung aus früher Antrinkbarkeit und Lagerpotenzial macht 2025 zu einem Jahrgang, der Genießer und Sammler gleichermaßen anspricht.
Was lange wie eine Übergangsphase wirkte, ist damit abgeschlossen. Die klassische Parker-Stilistik ist Geschichte. Eleganz, Balance und Präzision haben sich als neue Leitwährung durchgesetzt. Ein Bordeaux, das sich seiner Herkunft wieder bewusst geworden ist und genau darin seine eigentliche Modernität findet.
Hand in Hand damit vollzieht sich ein struktureller Wandel in den Weinbergen, der in vielen Verkostungsgesprächen anklang. Zahlreiche Châteaux arbeiten inzwischen biologisch oder biodynamisch oder befinden sich in der Umstellung. Nachhaltigkeit ist dabei kein Differenzierungsmerkmal mehr, mit dem sich einzelne Güter schmücken können, sondern Teil eines kollektiven Selbstverständnisses geworden. Auch das ist eine Form von Reife, die man dem Jahrgang anmerkt.
Bordeaux 2025 fügt sich nahtlos in eine Reihe starker Jahrgänge ein und markiert zugleich einen wichtigen Schritt in der Weiterentwicklung der Region. Ein Jahrgang, der nicht beeindrucken muss und gerade deshalb überzeugt.
Spannende Begegnungen, die im Glas nachklingen
Verkostungen erzählen nur einen Teil der Wahrheit. Der andere Teil verbirgt sich in den Gesprächen, in den Begegnungen und in den Momenten zwischen den Terminen. Besonders eindrücklich war der Besuch auf Château Le Pin. Keine Inszenierung, kein Spektakel, sondern eine ruhige, fast sinnliche Begegnung mit einem Wein von außergewöhnlicher Tiefe. Gemeinsam mit Jacques Thienpont und dem neuen Direktor Vianney Gravereaux entstand ein Gespräch, das weit über den Wein hinausging. Persönlich, offen und geprägt von einer Ruhe, wie man sie an einem der gefragtesten Orte der Welt nicht unbedingt erwartet.
Ein Gedanke von Jacques Thienpont ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sein Rat an mich war, möglichst viele große Weine aus möglichst vielen Regionen zu trinken, um ein verlässliches Gefühl für wahre Qualität zu entwickeln. Einfach, aber prägend. Ebenso prägend waren die Besuche auf Château Haut-Bailly, Château Montrose und Château Phélan Ségur, um nur einige zu nennen. Es wurde erklärt, diskutiert und zugehört. Diese Offenheit reicht weit über das alte Bordeaux hinaus und zeigt das neue Selbstverständnis einer Region, die wieder ins Gespräch kommen möchte.
Den symbolträchtigsten Moment der Woche bot die Commanderie du Bontemps, die in diesem Jahr im noch leeren Weinkeller von Château Ducru-Beaucaillou zelebriert wurde. Eine Kulisse, die für sich selbst spricht. An meinem Tisch saß Noé Tesseron, mit dem ich das wohl ehrlichste Gespräch dieser Woche führte, vielleicht sogar das ehrlichste der letzten Jahre. Wir waren uns einig, dass Bordeaux sich bewegen, moderner werden und neue Wege gehen muss. Dass dieser Gedanke aus einer der traditionsreichsten Familien der Region kommt, hat mich aufrichtig ermutigt.
Auch die Begegnungen mit Axel Heinz von Château Lascombes und mit Maximilian Riedel, der der gesamten Branche mit seiner Präsenz in den sozialen Medien einen unschätzbaren Dienst erweist, machten den Abend zu einem Sinnbild des Wandels. Den Abschluss bildete ein Château Latour 1975 aus der Doppelmagnum, ein Wein von beeindruckender Frische und Tiefe, der die vergangenen fünfzig Jahre wie eine Fußnote wirken ließ.
Dieser Eindruck bestätigte sich beim erneuten Besuch auf Château Latour. Einen gereiften Jahrgang neben dem neuen zu verkosten, macht Entwicklung greifbar und führt vor Augen, warum diese Region zu den bedeutendsten der Welt gehört.
Vom rechten zum linken Ufer: Die Highlights des Jahrgangs
Der Reiz des Bordeaux-Jahrgangs 2025 liegt nicht in der monolithischen Größe klassischer „5er”-Jahrgänge, sondern in den feinen Unterschieden von Appellation zu Appellation. Aus über 250 verkosteten Weinen folgt für jede Region eine Empfehlung. Die Reise beginnt auf dem rechten Ufer in Saint-Émilion und Pomerol und führt anschließend über die Graves nach Norden ins Médoc.
Saint-Émilion
Das berühmte Ton- und Kalksteinplateau erklärt, warum dieser Teil der Appellation so hoch angesehen ist. Die Weine von Château Canon, Château Figeac, Château Beau-Séjour Bécot oder Château Troplong Mondot sind 2025 herausragend. Der Grand Vin von Château Cheval Blanc ragt selbst hier heraus, mit nur 15 Hektolitern pro Hektar eine seltene Rarität.
Pomerol
Pomerol war die wärmste Appellation im Bordelais, und die Weine von Château Le Pin, Château La Conseillante, Château L’Église-Clinet und Château Trotanoy zeigen sich 2025 besonders elegant. Bei den großen Namen liegt man hier goldrichtig. Doch auch die Einstiegsweine der benachbarten Appellation Lalande-de-Pomerol bieten viel Wein fürs Geld.
Pessac-Léognan
Bei den Rotweinen ragt Château Haut-Brion vor Château La Mission Haut-Brion heraus, während Château Les Carmes Haut-Brion mit seiner eigenen Stilistik in einer anderen Liga spielt. Auch die Weißweine überzeugen 2025, allen voran Domaine de Chevalier Blanc und Pape Clément Blanc.
Saint-Julien
Saint-Julien zeigt sich 2025 in Bestform. An der Spitze stehen Château Léoville Las Cases und Château Ducru-Beaucaillou, mit denen man nichts falsch machen kann. Auch Château Beychevelle und Château Gloria haben sich stark präsentiert.
Margaux
Margaux ist durch die Bank die beste Appellation dieses Jahrgangs. An der Spitze stehen Château Margaux und Château Palmer, dicht gefolgt von Château Rauzan-Ségla, Château Brane-Cantenac und Château Giscours. Auch Château Lascombes hat den nächsten Schritt gemacht.
Pauillac
Pauillac bietet 2025 eine Fülle großartiger Weine. Überraschungen sind hier seltener als in Margaux, da die großen Namen ihren hohen Erwartungen gerecht werden, allen voran Château Mouton Rothschild, Château Lafite-Rothschild und Château Pontet-Canet. Aus der zweiten Reihe begeistern Château Lynch-Moussas, Château Haut-Bages Libéral und Château Fonbadet.
Saint-Estèphe
Saint-Estèphe bildet den Abschluss der Reise. An der Spitze stehen Château Montrose, Château Cos d’Estournel und Château Phélan Ségur. Ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten 2025 vor allem die kleineren Weine wie Château Capbern, Château Meyney und der Zweitwein La Dame de Montrose.
© Titelbild/Bilder: Kim-Christopher Granz, SelteneWeine.de
















