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Champagne Moët & Chandon – und die Kunst der Nichtveränderung

Es gibt Marken, die eine derartige Marktdurchdringung erreicht haben, dass sie praktisch überall bekannt sind. Champagne Moët & Chandon ist so eine Marke. Die grüne Flasche mit goldener Folie und schwarzer Schleife dürfte jedem Weinliebhaber vertraut sein und ist darüber hinaus fast jedem Menschen mindestens einmal über den Weg gelaufen. Genau hier beginnt die Frage, die mich nach diesem Lunch im Tortue Hamburg nicht mehr loslässt: Ist ein Name, den die ganze Welt kennt, für einen Schaumwein Fluch oder Segen?

Ich war zu einem Winemaker-Lunch mit Marie-Christine Osselin eingeladen. Sie ist bei Moët & Chandon für die Weinqualität verantwortlich, repräsentiert das Handwerk des Hauses nach außen und arbeitet eng mit dem Kellermeister zusammen. Sie entscheidet mit, was am Ende im Glas landet. Dazu gab es ein Menü, das eigens auf die Champagner des Hauses abgestimmt war.

Zugegeben, man kommt mit gewissen Erwartungen zu so einem Termin, gerade wenn es um Jahrgangschampagner oder den Collection Impériale Création No. 1 als höchsten Ausdruck der Haute Oenologie von Moët & Chandon geht. Neben dem Seltenen, dem Schwierigen bzw. der Spitze läuft der Brut Impérial einfach so nebenher. Er ist allgegenwärtig, in jedem Restaurant, jeder Bar und auf jeder Feier. Doch während unseres gemeinsamen Lunches habe ich gelernt, dass es genau umgekehrt ist.

Einen Jahrgangschampagner zu vinifizieren, ist viel leichter, als einen Klassiker zu kreieren. Dafür braucht es nicht nur rund 50 Verkostungen pro Tag, sondern auch eine hervorragende Sensorik. Und je länger das Essen dauerte, desto mehr ergab es Sinn.

„The Champagne decided“ – der Moët & Chandon Brut Impérial

Beginnen wir mit dem Champagner, den jeder zu kennen glaubt. Der Moët & Chandon Brut Impérial ist seit 1869 der Klassiker des Hauses. Und er ist – so widersinnig das klingen mag – der schwierigste. Der Grund hierfür liegt in der Auswahl der Grundweine. Das Team um Marie-Christine Osselin wählt aus nahezu 280 der 319 Crus der Champagne aus, also aus einer enormen Bandbreite an Grundweinen, die von Jahr zu Jahr variiert. Dazu kommen Reserveweine aus früheren Ernten. Und am Ende entsteht aus diesem heterogenen Fundus seit Jahren derselbe Schaumwein.

Die Grundweine haben dabei bewusst weniger Frucht, als man erwarten würde. Das ist jedoch kein Mangel, sondern Absicht: Je zurückhaltender der Wein in der Frucht ist, desto mehr Raum bleibt für die Entwicklung durch die Reife auf der Hefe. Die Herausforderung dabei ist, dass ein Jahrgang nach seinem Jahr schmecken darf. Der Brut Impérial hingegen muss in jedem Jahr nach sich selbst schmecken – nach Moët & Chandon. Nicht das Jahr entscheidet, sondern der Stil – oder, um es mit Marie-Christine zu sagen: „The Champagne decided.“

Ist das nicht faszinierend und verrückt zugleich? Sich Jahr für Jahr nicht zu verändern, während sich alles drumherum verändert? Das ist aus meiner Sicht eine einzigartige Disziplin, vor allem, wenn sie in der Hochphase bis zu fünfzig Verkostungen am Tag bedeutet.

Jeder Jahrgang erzählt seine eigene Geschichte

Bei den Jahrgangschampagnern sieht es hingegen ganz anders aus. Hier „führt“ das Jahr, dem das Team von Moët & Chandon folgt. So war das Jahr 2016 laut Marie-Christine Osselin von vielen „Ups and Downs“ geprägt. Sie hatte damals ihr erstes Jahr bei Moët & Chandon und erinnert sich an einen Winter voller Regen und an Frost kurz nach dem Austrieb, also im denkbar ungünstigsten Moment. Danach kam ein trockener, heißer Sommer, der die Lese rettete.

Wer Champagner macht, liest Wetterberichte wie andere die Börsenkurse und weiß genau, dass in solchen Jahren kein Wein bzw. kein Champagner nach Schema F entsteht. Jeder Jahrgang ist das Porträt eines einzigen Jahres, während die Kellermeister auswählen, was die Natur ihnen gibt, statt eine Vorlage zu erfüllen. Genau das macht ihn, so paradox es klingt, leichter als den Klassiker. Man muss nicht gegen das Jahr arbeiten, sondern mit ihm.

Anschließend heißt es, Geduld zu haben. Während drei Jahre auf der Hefe zur Pflicht gehören, betrug die Hefelagerung des Grand Vintage 2016 rund sechs Jahre. Er ist der 77. Jahrgangschampagner in der Geschichte von Moët & Chandon – und jeder davon war eine bewusste Entscheidung.

Meine Verkostungsnotizen

Während des Lunches standen vier Champagner im Fokus – vom Klassiker bis hin zur Haute Œnologie von Moët & Chandon. Wie immer geht es dabei nicht um die Punktzahl, sondern um das, was im Glas geschah. Nachfolgend findest Du meine Verkostungsnotizen:

Moët & Chandon Brut Impérial

Der zeitlose Klassiker präsentierte sich goldgelb mit grünlichen Reflexen im Glas. Die offene Nase war spritzig, wobei Aromen von grünem Apfel, Zitrus und Brioche, aber auch florale Noten sowie Nuss, zu vernehmen waren. Am Gaumen, eher großzügig und rund, wurde der Schaumwein von einer feinen Perlage getragen.

Moët & Chandon Grand Vintage 2016

Es war ein sanftes Goldgelb mit grünen Reflexen, das das Aussehen des Moët & Chandon Grand Vintage 2016 prägte. Während die Nase anfangs von geröstetem Brot, Lebkuchen und Marzipan bestimmt war, gesellten sich mit der Zeit auch Pflaume, Mirabelle oder Orangenzeste bzw. -blüte hinzu. Der erste Mund war weich, getragen von einer lebhaften Struktur und einem frischen Abgang.

Moët & Chandon Grand Vintage Rosé 2016

Der 46. Jahrgang des Hauses zeigte ein mittleres Rosé, dezenten Reflexen. In der Nase waren Erd- und Himbeere zu vernehmen. In der Tiefe gesellten sich noch florale Noten von Rose, Hibiskus und Veilchen dazu. Der Gaumen war zart, harmonisch und leicht adstringierend, mit luftigem Abgang.

Moët & Chandon Collection Impériale Création No. 1

Der Moët & Chandon Collection Impériale Création No. 1 zeigte sich in einem sehr kräftigen bis dunklen Gelb mit vielen Reflexen. In der Nase zeigte sich zuerst Süßholz, gefolgt von Toast, frischer Haselnuss und Feige. Etwas tiefer lagen Vanille und Mokka. Am cremigen Gaumen offenbarte er eine aromatische Süße in Kombination mit einer zarten Perlage. Es war ein regelrechtes Spiel aus Frische und feiner Bitterkeit, dazu Süßholz.

Die Assemblage ist eine kleine Zeitreise, die viele Jahre umfasst: Der Jahrgang 2013 reifte im Edelstahltank, die Jahrgänge 2012, 2010, 2008, 2006 und 2000 reiften im Eichenfass und der Jahrgang 2004 reifte als einziger bereits nach der zweiten Gärung in der Flasche auf der Hefe, ehe er degorgiert und der Cuvée zugefügt wurde. Sieben Ernten in einem Glas, wobei der älteste Teil bereits einmal durch die Flasche gegangen ist.

Fluch oder Segen – die Erkenntnis

Während ich auf dem Heimweg aus dem Zugfenster in die Weite sah, wirkten das Mittagessen, die Gespräche und der Wein nach. Noch einmal ging mir die Frage durch den Kopf, ob der Name Fluch oder Segen ist. Und ich komme zu dem Schluss: Er ist beides, nur nicht zur gleichen Zeit.

Die Marke Moët & Chandon hat den Champagner weltweit bekannt gemacht. Der Name ist ein Segen. Er öffnet Türen, füllt riesige Räume mit Leben und trägt sich von selbst. Für den Brut Impérial ist er jedoch ein Fluch – zumindest solange das Etikett zu sehen ist. Wer in der Gastronomie oder in der Bar um die Ecke einen „Moët“ bestellt, trinkt den Namen und nicht den großartigen Champagner, der dahintersteht. Er übersieht das Unsichtbare, die Liebe zum Detail, die den Brut Impérial ausmachen.

Der Fluch ist also keiner, den die Marke trägt. Es ist einer, den wir mitbringen. Er löst sich in dem Moment, in dem man das Glas nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet, sondern als das, was es ist. Dann wird aus dem Fluch wieder ein Segen. Man muss ihn nur schmecken.

© Titelbild/Bilder: Kim-Christopher Granz, SelteneWeine.de

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